Fachartikel · Tuchtechnik

Gleitschirm- und Fallschirmtuch

Gewicht, Porosität und Dehnung bestimmen, was ein Gleitschirm- oder Fallschirmtuch leistet und wie lange es diese Leistung über die Lebensdauer hält.

Handskizze: Querschnitt eines Ripstop-Tuchs mit erster und zweiter Beschichtung, Kett- und Schussfäden und einer unzureichend beschichteten Stelle

Warum das Tuch im Mittelpunkt steht

Beitrag vom 21. August 2025, Autor: Anatoly Cohn.

Seit es Gleitschirme gibt, ist das Tuch ein zentrales Thema in Konstruktion und Fertigung. Gleitschirme bestehen aus Tuch, und das dürfte noch lange so bleiben. Das in der Branche verwendete Material wird allgemein als Gleitschirm-Ripstop bezeichnet: meist Nylon mit dem typischen quadratischen Ripstop-Muster.

Hersteller stellen das Thema gern als komplizierte Hochtechnologie dar, und die Debatten darüber stiften oft mehr Verwirrung als Klarheit. Im Kern ist es eine einfache, gut verständliche Sache. Ein Tuch, das sich für den Gleitschirmbau eignet, muss drei Parameter erfüllen:

  • Gewicht und Festigkeit.
  • Porosität und Beschichtung.
  • Dehnung und Elastizität.

1. Gewicht und Festigkeit

Jeder will einen leichten Schirm, möglichst leichter als der des Nachbarn. Je leichter das Tuch, desto leichter der Schirm, und die verbreitete Annahme lautet, das sei gut: weniger Volumen, weniger Packmaß, weniger Gewicht, mehr passive Sicherheit.

Praktisch alle Gleitschirme bestehen aus Tuch ähnlicher Konstruktion, gewebt aus demselben Nylonfilament: 30 Denier hochzähes Nylon, bekannt als Nylon 6.6. Die Denier-Zahl bezeichnet das Gewicht des Filaments für eine feste Länge — je niedriger die Denier-Zahl, desto leichter, dünner und schwächer der Faden.

Das Tuch wird im typischen Ripstop-Muster gewebt. Allgemein gilt die Ripstop-Konstruktion als nötig, um Laufmaschen (kleine Risse) zu verhindern. Das ist nicht zwingend so: Schirme lassen sich ohne Weiteres aus Tuch in Leinwandbindung bauen, und das hat sogar einige Vorteile.

Das Gewicht des Tuchs hängt zunächst davon ab, wie dicht es gewebt ist. Man kann sich das Tuch als Netz vorstellen: sehr dicht, mit jedem Filament direkt neben dem nächsten, oder als lockeres Netz mit großen Öffnungen.

Handskizze einer 50 × 50-Webart: je 50 Fäden pro Zentimeter in Kette und Schuss

Fadendichte: leichter, billiger, schwächer

Als Branchenreferenz gilt: Ein gutes Qualitätstuch hat mindestens die sogenannte 100T-Fadendichte, also 50 Schuss- und 50 Kettfäden, dicht gewebt pro Quadratzentimeter Tuch, oder mehr.

  • Wird die Dichte auf 40 × 40 Fäden pro Zentimeter reduziert (üblicherweise als „ends and picks“ bezeichnet), wird das Tuch um 20 % leichter.
  • Manche Hersteller gehen noch weiter auf 35 × 35.
  • Je geringer die Fadendichte, desto leichter das Tuch und desto billiger die Herstellung: weniger Filament, schnelleres Weben.
  • Die Kehrseite: Das Tuch wird schwächer, und seine Luftundurchlässigkeit sicherzustellen wird schwieriger.
Handskizze einer 40 × 40-Webart: je 40 Fäden pro Zentimeter in Kette und Schuss
Handskizze einer 35 × 35-Webart: je 35 Fäden pro Zentimeter in Kette und Schuss

Was die Fadendichte über Festigkeit und Alterung sagt

Wer einen Schirm aus leichterem Tuch kauft, sollte wissen: Zugfestigkeit und alterungsbedingter Leistungsverlust stehen in direktem Zusammenhang mit der Fadendichte. Die Behauptung, ein Tuch sei leichter und zugleich stärker, trifft nach Einschätzung des Autors praktisch nie zu — außer beim Preis.

Eine Ausnahme wäre Tuch aus Filament mit noch niedrigerer Denier-Zahl: 20 Denier Nylon 6.6 existiert und wurde vor Kurzem entwickelt, wird aber für serienmäßig gefertigte Standard-Gleitschirme praktisch nicht verwendet.

2. Porosität und Beschichtung

Die Porosität, also die Luftdurchlässigkeit, ist ein weiteres Thema, über das viel diskutiert wird. Ein besonders leichtes Tuch hat eine sehr dünne Beschichtung: Das Polymer hat Gewicht und kostet Geld, und je weniger aufgetragen wird, desto leichter, dünner und billiger ist das Tuch.

Die Chance auf ein Tuch mit null Porosität, das über lange Zeit luftdicht bleibt, ist deutlich besser, wenn statt einer Beschichtungslage zwei aufgetragen werden. Drei oder sogar vier Lagen sind vorzuziehen, und es ist besser, wenn jede Lage dicker ist. Jede Lage ist allerdings ein zeitaufwendiger Arbeitsgang und kostet mehr. So entsteht ein schwereres, teureres Tuch, das dafür über längere Zeit keine Anzeichen einer Leistungsverschlechterung zeigt.

Handskizze des Beschichtungsprozesses: unbeschichtetes Tuch läuft an einer Rakel mit PU-Auftrag vorbei durch einen Ofen und wird beschichtet aufgewickelt

Wie viele Beschichtungslagen der Markt anbietet

Heute bietet kein Hersteller von Gleitschirmtuch mehr ein Tuch mit nur einer Beschichtungslage an; die meisten beschichten zweilagig. Dabei gehen die Meinungen auseinander: Manche tragen beide Lagen auf dieselbe Seite auf, andere je eine Lage pro Seite. Zwei Lagen auf einer Seite sind billiger und schneller; die teurere Variante ist nach Einschätzung des Autors vermutlich auch die bessere.

Ein Hersteller ging früher noch weiter: Er baute das Tuch mit mindestens 50 × 50 Fadendichte und beschichtete es viermal — zwei PU-Lagen, je eine pro Seite, und darüber zwei Silikonlagen, je eine pro Seite, zum Schutz der PU-Oberfläche. Dieses Tuch ist für seine legendäre Haltbarkeit bekannt, allerdings zu einem höheren Preis und mit Mehrgewicht.

Das Fazit: Mehr Beschichtungspolymer und/oder mehr Beschichtungslagen ergeben eine bessere Porosität, also Luftdichtheit. Das Tuch wird dadurch teurer in der Herstellung, schwerer und dicker. Auch hier gibt es keine Tricks und keine Abkürzungen zu einem leichteren und zugleich besseren Tuch.

Deklariertes Tuchgewicht nachprüfen

Es gibt noch einen weiteren, sehr kühnen Weg, das Tuchgewicht zu senken: Wer im Datenblatt 40 Gramm statt 45 Gramm angibt, macht das Tuch laut Artikel um 12 % leichter. Da das Tuchgewicht immer mit einer Toleranz angegeben wird, etwa 45 g ± 5 g, geben die meisten Hersteller 40 g für ein Tuch an, das 50 g wiegt. Die Empfehlung lautet deshalb, die Herstellerangabe nicht ungeprüft zu übernehmen und das Gewicht von Zeit zu Zeit nachzuprüfen.

Der Nassfinger-Test und die Ripstop-Kreuzungspunkte

Wer die Porosität eines alternden Schirms mit der alten, einfachen Methode prüft — einen nassen Finger auf die Tuchoberfläche drücken und Feuchtigkeit durch das Tuch pressen —, hat vermutlich bemerkt, dass die Feuchtigkeit zuerst an den Kreuzungspunkten der dickeren Ripstop-Fäden austritt, während der Rest der Fläche noch luftdicht ist. Der Grund: Die dünne Beschichtung deckt den dickeren Querschnitt der Ripstop-Kreuzungen nicht vollständig ab, und diese Stellen geben zuerst nach.

Daraus leitet der Autor eine offene Frage ab: Vielleicht würde ein Tuch in Leinwandbindung mit derselben Beschichtung über längere Zeit bessere Porositätswerte liefern.

Handskizze eines Ripstop-Gewebes mit freiliegenden, unzureichend beschichteten Kreuzungspunkten der dickeren Fäden

3. Dehnung und Elastizität

Der dritte Parameter ist die Elastizität des Tuchs: seine Längung unter Last in verschiedenen Richtungen und seine Fähigkeit, nach der Entlastung zu den ursprünglichen Maßen zurückzukehren. Auch hier gehen die Meinungen weit auseinander — steif oder etwas elastisch, knisternd oder seidig glatt.

Da alle Arten von Gleitschirm- und Fallschirmtuch aus demselben Nylonfilament bestehen, sind die grundlegenden Elastizitätseigenschaften vor Kalandrieren, Beschichten und Veredeln recht ähnlich. Gewebtes, noch nicht veredeltes Tuch (Rohware, „grey goods“) hat in Kette und Schuss, also längs und quer, eine recht geringe Elastizität und eine gute Rückstellung.

Diagonal dazu, im 45-Grad-Winkel zu Kette oder Schuss („on the bias“), ist das Tuch weniger stabil. Unter Zug in dieser Richtung verändert sich die Gewebekonstruktion leicht, und nach der Entlastung kehrt das verformte Tuch nicht in seine ursprüngliche Form zurück.

Was die Beschichtung für die Formstabilität leistet

Hier setzt die Beschichtung an. Sie verbindet die Fäden miteinander zu einer Art gefrorener Konstruktion — vorstellbar als dünne Eisschicht auf einem Netz. Das Eis macht das Netz in allen Richtungen steif, auch diagonal, und zugleich luftdicht. Eine richtig ausgeführte Beschichtung fixiert die Fadenkonstruktion so, dass sich die Fäden im Gewebe nicht mehr gegeneinander bewegen.

Wäre die Beschichtung wie Eis — steif, aber spröde —, würde sie unter Last in verschiedenen Richtungen reißen. Das trägt zur Verformung des Tuchs und zu höherer Luftdurchlässigkeit bei. Ein gewisses Maß an Elastizität der Beschichtung ist daher erwünscht, um Rissbildung zu verhindern. Solche Risse sind als „White Breaks“ bekannt: weiße Linien auf dem Tuch, die die gerissenen Ränder der Beschichtung markieren.

Wünschenswert ist eine Beschichtung, die sich unter Last so wenig wie möglich dehnt, ohne zu reißen, und nach der Entlastung ihre ursprüngliche Form wieder annimmt. Die richtige Mischung aus minimaler Elastizität und guter Rückstellung sichert die Langzeitleistung des Gewebes. Die Qualität der Beschichtung ist entscheidend dafür, dass das Tuch seine Leistung über die Zeit hält.

Welches Tuch für Außenflächen, welches für Rippen?

Für die Außenflächen gilt allgemein ein mittelweiches Tuch mit knisterndem Griff, einem gewissen Maß an Elastizität und guter Rückstellung als am besten.

Bei den Rippen sind die Meinungen geteilt. Eine Schule vertritt, das Tuch solle so steif wie möglich sein, ohne jede Dehnung. Andere Hersteller verwenden für Rippen und Außenflächen dasselbe Tuch. Auf den ersten Blick wirkt steifes Tuch für Rippen logisch, weil das konstruierte, zugeschnittene und eingenähte Profil erhalten bleiben soll.

Das Problem: Alle Arten von steifem Tuch haben eine recht schlechte Rückstellung. Unter übermäßiger Last verformen sie sich schnell und nehmen ihre ursprüngliche Form nicht wieder an. Der Vorgang beschleunigt sich, weil das Tuch im Betrieb gequetscht, zerknüllt, geflattert und geschüttelt wird. Dabei entstehen unzählige kleine Risse in der Beschichtung, und der Schirm fliegt auf einem Profil, das sich immer weiter vom konstruierten Profil entfernt.

Profil, Trimmung und Lebensdauer

Ein weiteres Argument gegen steifes Tuch: Das konstruierte Rippenprofil ist nur dort bekannt und definiert, wo die Rippe zwischen den Bahnen eingenäht ist. Jeder andere Querschnitt des Flügels zeigt ein deutlich anderes Profil, weil er aus aufgeblähten Flächen mit über die Spannweite veränderlichem Querschnitt entsteht.

Der Konstrukteur hat nur über das Profil Kontrolle, das er in die Rippe einnäht. Die Leistung eines Gleitschirms ist insgesamt das Ergebnis empirischer Trimmung durch das Konstruktionsteam, eines reinen Versuch-und-Irrtum-Prozesses ohne analytische Grundlage. Unter diesen Umständen ist es wichtiger, die getrimmte optimale Leistung über die Lebensdauer des Schirms zu erhalten, als der Illusion zu folgen, steifes Tuch bringe Theorie und Wirklichkeit näher zusammen, und dabei die beschleunigte Alterung von Rippen- und Außentuch außer Acht zu lassen.

Die Schlussfolgerung des Autors: gegen steifes Tuch, es sei denn, es bleibt über die gesamte Nutzungsdauer ohne plastische Verformung steif. Das bevorzugte Tuch für Rippen ist jenes mit der besten Rückstellung, das über die Lebensdauer des Produkts weder altert noch sich verformt.

Technische Angaben nach Herstellerdokumentation von APCO Aviation Ltd , Stand 2026-09-22.

Häufige Fragen

Technisch nachgefragt.

Was bedeutet die Denier-Angabe bei Gleitschirmtuch?

Die Denier-Zahl bezeichnet das Gewicht eines Filaments für eine feste Länge. Je niedriger sie ist, desto leichter, dünner und schwächer ist der Faden. Praktisch alle Gleitschirme bestehen aus Tuch, das aus 30 Denier hochzähem Nylon 6.6 gewebt ist. 20 Denier existiert, wird für serienmäßige Standardschirme aber praktisch nicht verwendet.

Warum ist ein leichteres Tuch nicht automatisch besser?

Leichter wird ein Tuch meist über eine geringere Fadendichte, etwa 40 × 40 statt 50 × 50 Fäden pro Zentimeter, oder über eine dünnere Beschichtung. Das macht es billiger, aber auch schwächer, und die Luftundurchlässigkeit ist schwerer zu sichern. Zugfestigkeit und Alterung stehen in direktem Zusammenhang mit der Fadendichte.

Wie viele Beschichtungslagen braucht ein luftdichtes Tuch?

Zwei Lagen verbessern die Chance auf ein Tuch, das lange luftdicht bleibt, deutlich gegenüber einer; drei oder vier dickere Lagen sind vorzuziehen. Heute bietet kein Hersteller mehr einlagig beschichtetes Tuch an, die meisten beschichten zweilagig. Mehr Beschichtung ergibt bessere Porosität, macht das Tuch aber teurer, schwerer und dicker.

Welches Tuch eignet sich für die Rippen eines Gleitschirms?

Nach Einschätzung des Autors das Tuch mit der besten Rückstellung, das über die Lebensdauer weder altert noch sich verformt. Steifes Tuch hat meist eine schlechte Rückstellung und verformt sich unter übermäßiger Last dauerhaft. Wichtiger als ein möglichst steifes Tuch ist, die getrimmte Leistung des Schirms über seine Lebensdauer zu erhalten.

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